Die defekte Festplatte auslesen – gefährlich für die Daten

Ob Sie eine defekte Festplatte selbst auslesen können, hängt in erster Linie von der Art des Defekts ab. Deshalb ist es zuerst wichtig zu unterscheiden, welcher Schaden vorliegt.

Macht die Festplatte klickende, klackende oder schleifende Geräusche, läuft sie nicht an oder ist sie heruntergefallen, sollten Sie sie unverzüglich vom System trennen und nicht weiterverwenden. Dann liegt sehr wahrscheinlich ein mechanischer Schaden vor, und jeder Rettungsversuch kann mehr zerstören.

Zeigt die Platte keine dieser Anzeichen, sondern haben Sie beispielsweise
  • versehentlich etwas gelöscht oder formatiert,
  • Schadsoftware, die Daten gelöscht hat, oder
  • ein beschädigtes Dateisystem („RAW“, „Datenträger muss formatiert werden“),
dann handelt es sich um einen logischen Defekt, und es ist möglich, die Daten selbst auszulesen.

Sonderfall SSD

SSDs machen keine Geräusche. Typische Anzeichen für einen Hardware-Defekt sind, dass die SSD plötzlich nicht mehr erkannt wird, mit falscher Größe oder einem fremden Gerätenamen erscheint (bekannt ist z. B. „SATAFIRM S11“), nur noch lesbar ist oder extrem langsam reagiert. Schalten Sie eine solche SSD nicht immer wieder ein und aus, sondern überlassen Sie sie einem Labor.

Bei gelöschten Dateien sind die Chancen auf einer SSD deutlich geringer als bei einer Festplatte: Über die TRIM-Funktion teilt das Betriebssystem der SSD mit, welche Bereiche frei sind, und die SSD leert diese Bereiche oft schon nach kurzer Zeit. Wenn überhaupt, hilft nur schnelles Handeln: nichts mehr auf die SSD schreiben und den Rechner möglichst nicht weiter von ihr starten.

Nicht voreilig die defekte Festplatte auslesen

In jedem Fall sollten Sie zuerst eine Entscheidung treffen. Sind die Daten nicht besonders wertvoll, können Sie einen eigenen Versuch unternehmen. Hierfür gibt es zahlreiche Datenrettungssoftware.

Wollen Sie die Daten unbedingt zurückbekommen, überlassen Sie das Auslesen einem Datenretter. Welche Faktoren die Kosten der Datenrettung beeinflussen und wie die Datenrettung abläuft, haben wir für Sie aufgeschlüsselt. Geht es um eine USB-Platte, lesen Sie vorher unbedingt unsere Hinweise zur Datenrettung bei externen Festplatten: Viele Modelle verschlüsseln ihre Daten über die USB-Elektronik, sodass ein Ausbau der Platte nichts bringt.

Wenn Sie selbst Daten von der defekten Festplatte retten wollen, kann jederzeit ein noch größerer Schaden entstehen. Bedenken Sie dies bitte, bevor Sie weiterlesen.

Die defekte Festplatte auslesen

Noch einmal: Das Auslesen einer defekten Festplatte in Eigenregie ist nur bei einem logischen Defekt ratsam. Bei merkwürdigen Geräuschen sollten Sie die nachfolgenden Werkzeuge auf keinen Fall verwenden!

Ebenfalls sehr wichtig: Erstellen Sie einen Klon der defekten Festplatte und versuchen Sie die Rettung am Klon. Installieren Sie keine Software auf der Festplatte mit den verlorenen Daten und speichern Sie nichts darauf, sonst werden die zu rettenden Daten unter Umständen überschrieben. Ist die Festplatte mit BitLocker verschlüsselt – bei vielen Windows-11-Geräten ist die Geräteverschlüsselung ab Werk aktiv –, halten Sie den Wiederherstellungsschlüssel bereit; Sie finden ihn meist in Ihrem Microsoft-Konto.

1

Einen Klon der defekten Festplatte anfertigen

Hierfür eignet sich die kostenlose Software Clonezilla, mit der Festplatten sektorweise 1:1 geklont werden können. Die Kopie ist identisch mit der defekten Festplatte und sorgt dafür, dass Sie gefahrlos mit der Datenrettung experimentieren können. So gehen Sie vor:

  1. Laden Sie das ISO-Abbild von Clonezilla herunter und schreiben Sie es auf einen USB-Stick, zum Beispiel mit Rufus (Windows) oder balenaEtcher (Windows, macOS, Linux).
  2. Schließen Sie eine leere Festplatte an, die mindestens so groß ist wie die defekte. Das kann eine interne Festplatte, eine externe Festplatte* oder eine interne Festplatte mit einem Adapter-Kabel* sein. Starten Sie den Computer anschließend vom USB-Stick. Gegebenenfalls müssen Sie dafür im Boot-Menü oder in den UEFI-Einstellungen den USB-Stick auswählen.
  3. Clonezilla erkennt nun die angeschlossenen Laufwerke und kopiert auf Ihr Kommando hin die Daten 1:1 auf das Ersatzlaufwerk („device-device“). Achten Sie unbedingt darauf, dass Sie Quelle und Ziel richtig ausgewählt haben – sonst überschreiben Sie die defekte Festplatte mit dem Inhalt der leeren.

Für einen sektorweisen Klon ist das Dateisystem übrigens egal: NTFS, exFAT, FAT32, ext4, HFS+ oder APFS – es wird alles 1:1 übernommen.

Festplatte mit Lesefehlern? Meldet die Platte beim Klonen viele Lesefehler oder wird sie dabei immer langsamer, ist GNU ddrescue die bessere Wahl. Es liest zuerst alle gut lesbaren Bereiche, versucht schwierige Stellen erst danach und merkt sich den Fortschritt in einer Protokolldatei, sodass ein abgebrochener Vorgang fortgesetzt werden kann. ddrescue ist zum Beispiel im kostenlosen Live-System SystemRescue enthalten. Verschlechtert sich der Zustand trotzdem rasch, brechen Sie ab und wenden Sie sich an einen Datenretter.

2

Zu rettende Festplatte beiseitelegen

Bauen Sie die defekte Festplatte aus oder trennen Sie sie, sodass sie nicht weiter benutzt wird, und starten Sie den Rechner neu. Nun geht es an die Datenrettung. Hierfür gibt es einige kostenlose Programme. Eine Entscheidungshilfe und eine Übersicht kostenpflichtiger Datenrettungssoftware finden Sie ebenfalls bei uns. Für einen ersten Versuch reicht kostenlose Software oft aus.

3

Analyse des Klons

Egal welches Programm Sie verwenden: Lassen Sie im nächsten Schritt den Klon durchsuchen. Je nach Suchtiefe und Größe der Platte kann das viele Stunden dauern – bei Festplatten mit mehreren Terabyte auch länger. Geben Sie der Suche die nötige Zeit.

4

Wiederherstellung der Daten

Wenn alles gut geht, können Sie im nächsten Schritt Ihre Daten wiederherstellen – auf einen dritten Datenträger, nicht auf den Klon. Prüfen Sie die Dateien danach unbedingt. Fehlen Daten oder sind Dateien beschädigt, können Sie oft noch eine tiefere Suche starten.

Ansonsten bleibt Ihnen die Möglichkeit, ein anderes Programm auszuprobieren oder die defekte Platte doch an einen Datenretter zu schicken. Die Standarddiagnose ist bei vielen Anbietern kostenlos, und manche schicken vorab eine Dateiliste, anhand der Sie sehen, ob die gesuchten Dateien noch zu retten sind.

Defekte Festplatte auslesen erfolgreich?

Egal, wie das Ergebnis aussieht: Fragen Sie sich, ob Sie dieses Prozedere noch einmal durchleben wollen, oder ob Sie sich lieber vorher um eine regelmäßige Datensicherung kümmern. Bewährt hat sich die 3-2-1-Regel:
  • 3 Kopien Ihrer Daten (das Original und zwei Sicherungen),
  • auf 2 verschiedenen Speichermedien (z. B. interne SSD und externe Festplatte),
  • davon 1 Kopie an einem anderen Ort (z. B. eine zweite Platte bei Verwandten oder im Büro, oder ein Cloud-Speicher).
Eine externe Festplatte, die nur für die Sicherung angeschlossen und danach wieder getrennt wird, schützt zusätzlich vor Verschlüsselungstrojanern. Cloud-Speicher sind bequem, die erste Sicherung kann je nach Internetanschluss aber lange dauern. Bedenken Sie außerdem, dass Ihre Daten dort auf fremden Servern liegen; Anbieter mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung oder eine eigene Verschlüsselung vor dem Hochladen schaffen Abhilfe.

Wofür auch immer Sie sich entscheiden: Jede Sicherung ist besser als gar keine.